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Abb.: Plakat
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25.04.2018 - 19.05.2018 17:00 Ausstellung: „Condition:Uncanny“

EIGEN+ART Lab, Torstraße 220, 10115 Berlin

Ausstellung: „Condition:Uncanny“

EIGEN+ART Lab, Torstraße 220, 10115 Berlin

Abb.: Plakat
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25.04.2018 - 19.05.2018 17:00

Die Studierenden der Klasse Brenner, Antonia Christl, Laura Fröhlich, Suah Im und Jakob Tyroller, zeigen ihre künstlerischen Positionen im EIGEN+ART Lab in Berlin.

„Der Wunder sind viele, der Wunder größtes aber ist der Mensch.“* (Sophokles, Antigone)

Viele Versuche sind unternommen worden, die oben zitierten Zeilen aus Sophokles Antigone zu übersetzen. Einigen Übersetzungen zufolge versteht man darunter: Es gibt viele Wunder, keines ist größer als der Mensch. Zugleich kann es jedoch auch wie folgt ausgelegt werden: Es gibt viele Wunder, keines ist wundersamer als der Mensch. Dem Wort „Wunder” scheint in seinen unterschiedlichen Implikationen eine gewisse Zweideutigkeit innezuwohnen. Insbesondere im Laufe der verschiedenen Übersetzungen ins Deutsche hat die Passage aus Antigone einen grundlegenden Bedeutungswandel erfahren. So wählte Hölderlin in seiner deutschen Interpretation von 1804 das Wort „Ungeheuer“. Heidegger wiederum entschied sich in seiner Einführung in die Metaphysik (1953) für „unheimlich“ (Englisch: „uncanny“): „Vielfältig das Unheimliche, nichts doch / über den Menschen hinaus unheimlicher waltet.“

Das Unheimliche beschreibt laut Freud die psychologische Erfahrung, etwas als vertraut und zugleich fremd zu empfinden. Im Gegensatz zu etwas, das lediglich mysteriös ist, bezieht sich das Unheimliche auf einen Zustand, in dem ein Ereignis oder Objekt, das einem bekannt vorkommt, in einer unheimlichen oder beunruhigenden Situation wahrgenommen wird. Ebenso wie Wörter, die nicht eine bestimmte Bedeutung haben, können Dinge, denen wir in unserer Umgebung begegnen, mehrdeutig und undurchsichtig sein. Gleichwohl basiert jede Kultur auf Unterscheidungen: Wir differenzieren zwischen Natur und Kultur, Mensch und Gott, Leben und Tod, Gut und Böse. Das menschliche Gehirn neigt dazu, das Wahrgenommene zu entziffern, zu kategorisieren und zu ordnen. Was nicht in eine der vorgefassten Kategorien fällt – das, was nicht unterschieden werden kann – ist „uncanny“ oder „unheimlich“.

Die ausgewählten Arbeiten in CONDITION:UNCANNY der vier Studierenden der Klasse Brenner, Antonia Christl, Laura Fröhlich, Suah Im und Jakob Tyroller, schaffen eine Vertrautheit, die sich nach und nach als trügerisch erweist. Mit den Sehgewohnheiten spielend, erzeugen die Arbeiten auf den ersten Blick ein Gefühl von Behaglichkeit. Man nimmt zum Beispiel die makellosen, tropischen Strandlandschaften in Tyrollers Land of Dreams (2016) zur Kenntnis, Fröhlichs weit verbreitetes steriles Drehkreuz mit dem Titel Personenschleuse (2015) oder Christls Punctum Saliens (2017–2018), das sich aus Audioaufnahmen ihrer Umgebung und dem nostalgischen Gebrauch von Grammophonen zusammensetzt. Schließlich ist man mit Ims Gebrauch von und Bezugnahme auf Alltagsgegenstände konfrontiert, die ihre Arbeiten Begegnen (2018) und Stecke mich hier ein (2017) zu bestimmen scheinen. Einige Aspekte dieser Werke sind augenblicklich zuzuordnen und erwecken den Eindruck von Offensichtlichkeit.

Doch gerade diese Vertrautheit entwickelt sich bald zu einem starken Gefühl der Verunsicherung. Tyrollers Landschaften ähneln unverkennbar den übersättigten Bildern von Werbespots. Gleichzeitig beginnen die Panoramen sich aufzulösen, die Verzerrungen verwandeln das „Land der Träume“ in ein simuliertes, dystopisches Urlaubsziel. Fröhlichs Drehkreuz – vorausgesetzt es kann benutzt werden – schleust die Personen nirgends hin, sondern leitet sie direkt zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Christls Einsatz des allseits vertrauten, doch zugleich beängstigenden Geräuschs eines Herzschlags übertönt den Rest der Aufnahmen und konfrontiert die Zuhörerinnen und Zuhörer mit der eigenen Sterblichkeit. Ims Vorhänge scheinen einfach zu existieren, ohne konkrete Absicht. Ihre Verwendung von und Referenz auf Alltägliches lässt die deformierten Bilder, die sie durch ihre Skulpturen entstehen lässt, erst wahrhaftig grotesk erscheinen.

Mehrdeutig und befremdlich: Was die ausgewählten Kunstwerke verbindet, ist ein Zustand, der als unheimlich bezeichnet werden kann – vielfältig und wundersam menschlich.

Text von Anna Siebold

*Aus dem Englischen: Sophocles. The Antigone of Sophocles. Edited with introduction and notes by Sir Richard Jebb. Sir Richard Jebb. Cambridge. Cambridge University Press. 1891.

Eröffnung: Mittwoch, 25. April 2018, 17 Uhr
Laufzeit: 26.04.–19.05.2018
Öffnungszeiten: Di–Fr 14–18 Uhr, Sa 11–18 Uhr
www.eigen-art-lab.com

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