Weißenhof-Programm der Bildenden Kunst, SUPER VIVAZ
Inhalt
Lina Baltruweit (*1996, Freiburg im Breisgau) und Johannes Baltruweit, geb. Breuninger (*1996, Bad Soden am Taunus), leben und arbeiten in Berlin. Ihre Skulpturen und raumgreifenden Installationen hinterfragen unser Verhältnis zur Natur sowie gesellschaftliche Strukturen, oft ausgehend von ortsspezifischen Bezügen. Die Wahl des Materials spielt dabei eine wichtige Rolle, und so verbinden sie Objekte des Alltags mit fein gearbeiteter Keramik.
Die beiden schlossen sich nach der gemeinsamen Grundklasse bei Prof. Andreas Opiolka an der ABK Stuttgart 2019 zum Künstlerduo SUPER VIVAZ zusammen. „Super Vivaz“ bedeutet so viel wie „super lebhaft/lebendig“ und ist auf die neon-orangenen Tontauben geprägt, aus denen ihr erstes Werk „Ich wollte schon immer mal Helikopter fliegen“ besteht. Der Widerspruch, der darin liegt, einen Gegenstand, der als Substitut für ein ausgerottetes Tier dient, als lebhaft zu bezeichnen, veranlasste das Duo, den Namen kurzerhand zu übernehmen.
2024 absolvierten sie ihr Diplom bei Prof. Mariella Mosler und Prof. Nils Büttner. Seit 2025 sind sie Meisterschüler*innen im postgradualen Weißenhof-Programm der Bildenden Kunst an der ABK Stuttgart, wo Mosler und Büttner sie nun als interne Mentor*innen begleiten. Die Kuratorin Antonia Rittgeroth und der Künstler Julius von Bismarck betreuen sie als externe Mentor*innen.
Bereits ihr Studium wurde von zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland begleitet, darunter die Kunsthalle Tübingen, das Oulu Art Museum in Finnland und das Taipei Fine Arts Museum in Taiwan. Ihre erste institutionelle Einzelausstellung „Warnung vor dem Hund“ hatten sie 2022 in der Galerie Stadt Sindelfingen, gefolgt von „From Shore to Shore“ im Kunstverein Friedrichshafen 2024.
Auszeichnungen
2026 Environment and Art Award shortlist
2025 Zilkens Academy Award
2025 Preis der Karin Abt-Straubinger-Stiftung
2025 Werner Pokorny Preis
2023 Erasmus Stipendium Akademia Sztuk Pięknych w Warszawie
2021 1. Preis vom Künstlerbund-Badenwürttemberg „Dialog mit der Jugend“
2021 Aufenthalts-Stipendium der Gustav Seitz Stiftung
2020 Preis der Sammlung Froehlich
2020 Aufenthalts-Stipendium der Künstlerstadt Kalbe
Ich wollte schon immer mal Helikopter fliegen
Die Skulptur spiegelt mit den Maßen 4 x 1.30 x 2 m die Proportionen eines ausgewachsenen Nördlichen Breitmaulnashorns wieder. Bei diesem Tier handelt es sich um das vom austerben bedrohteste Säugetier der Welt. Durch Wilderei wurde die Population auf zwei Weibchen reduziert. Das zermahlene Horn wird in großen Teilen Asiens als Droge konsumiert, der man eine ähnliche Wirkung wie Kokain zuspricht. Das aus medizinischer Sicht wirkungslose Horn wird auf dem Schwarzmarkt höher gehandelt als Gold. Andere Nashornarten wurden mit Helikoptern in Naturschutzgebiete umgesiedelt, um die Konfrontation mit dem Mensch zu vermeiden. Für das Nördliche Breitmaulnashorn kam jede Hilfe zu spät.
Die Plastik ist mit Tontaubenscherben überzogen, die ihr die neonrote Farbe verleihen. Diese Zielscheiben dienen als Ersatz für die Wandertaube, seit diese Ende des 19. Jahrhunderts durch den Schießsport ausgerottet wurde.
German Angst
Die Arbeit entstand in der Auseinandersetzung mit der aktuell sehr einseitig geführten Debatte über Migration, die stark von Angst und Panik geprägt ist. Das Objekt stellt einen deutschen Reisepass dar, der Gänsehaut hat. “German Angst”(Germanismus) bezeichnet im englischen Sprachraum eine Zögerlichkeit und Abneigung gegen das Unbekannte und ist vom deutschen Begriff Angst zu unterscheiden.
Für die Arbeit wurde ein Abdruck menschlicher Gänsehaut genommen, der anschließend in Form eines Reisepasses in gefärbten Porzellan gegossen wurde. Bei dem Aufdruck handelt es sich um einen eingebrannten 23 kt Gold-Lüster.
Western Gods
„Western Gods aus dem Jahr 2019 ist ein Selbstportrait des Künstlerduos. Es zeigt die beiden als Reisende. Die Skulptur steht stellvertretend für ihre Generation von jungen Erwachsenen, die im Urlaub und den Semesterferien ferne Länder und Kontinente bereist. Nicht nur mit dem Titel, übersetzt westliche Götter, übt das Werk Kritik an dem oftmals unreflektierten Privileg des Reisens, das Bewohnern der reichen Länder allein durch ihre Nationalität und dem entsprechenden Reisepass zukommt. Selbtkritisch zeigt uns das Künstlerduo, wie eine ganze Generation „hin und hergerissen ist zwischen Solidarität und Partystränden, Greta Thunberg und dem großen Traum von Freiheit.““ – Lisa Maria Maier
Infinite Growth
Die Installation besteht aus Keramikobjekten in Form von Mangrovenwurzeln. Aus den Wurzeln sprießen Fahnenmasten mit gehissten Flaggen. Die Flagge von Indonesien ist oben rot und unten weiß; alle anderen Flaggen stammen von Industrieländern.
Viele der Industriestaaten, einst Kolonialmächte, haben sich verpflichtet, klimaneutral zu werden, um die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten.
Der Begriff „Klimaneutral“ ist nicht geschützt. Ein Unternehmen oder ein Produkt gilt als CO₂-/klimaneutral, wenn es keine klimaschädlichen Emissionen verursacht oder wenn, wie in den meisten Fällen, entstehende Treibhausgase durch zertifizierte Ausgleichsprojekte kompensiert werden. Die Leistungen hinter den Zertifikaten werden oft in den globalen Süden ausgelagert.
In den vergangenen Jahren hat sich hier ein sehr unübersichtlicher, spekulativer Kapitalmarkt entwickelt. Klassischerweise werden Bäume wie Mangroven gepflanzt oder potenziell gefährdete Waldflächen unter Schutz gestellt. „Gerettete“ Waldflächen befinden sich sehr oft an unzugänglichen Stellen und sind sowieso nicht akut durch Abholzung gefährdet. Ein gepflanzter Baum muss, um sein volles CO2-Kompensationspotenzial zu erreichen, bis zu seinem natürlichen Ende wachsen. Wurde er einmal in einer Bilanz berücksichtigt, sollte er theoretisch aus allen nachfolgenden Bilanzen ausgeschlossen werden.
Da die Ansprüche momentan so niedrig sind, ist es für Staaten und Unternehmen sehr einfach, Greenwashing durch vermeintliche CO2-Kompensation zu betreiben. Nicht alle Organisationen, die Zertifikate beglaubigen, werden auch von der UN anerkannt, und ob heutige Standards auch langfristige Rechtssicherheit liefern, ist unklar.
Upholding Memories
Zentral in Warschau, zwischen dem Palast der Kultur und Wissenschaft und der Świętokrzyska-Metrostation, stießen wir im Februar 2023 auf ein mit Wellblech umzäuntes Grundstück. An sich nichts Besonderes, doch durch ein großes Loch im Zaun entdeckten wir eine Wiese, auf der Architekturmodelle angeordnet waren. Neugierde und Entdeckerlust ließen uns durch das Loch im Zaun schlüpfen. Wir waren erstaunt und fasziniert von der Schönheit der aufwendig gearbeiteten Gebäude-Modelle. Und verwundert, dass sie so schutzlos Verfall und Vandalismus ausgesetzt waren. Alle bereits stark beschädigt, einige bis zur Unkenntlichkeit zerstört.
Es zog uns immer wieder zu dem Gelände und wir begannen zu recherchieren. Es stellte sich heraus, dass es sich bei diesem Platz um den ehemaligen Park Miniatur Województwa Mazowieckiego handelt. Seine Miniaturen sind akribisch recherchierte, detailgetreue Nachbauten wichtiger Gebäude, die im 2. Weltkrieg oder in der darauf folgenden Besatzungszeit, zerstört wurden. Allesamt Prachtbauten, die den Charme des alten Warschaus ausmachten und ihm den Ruf als Paris des Ostens einbrachten.
Unsere Nachforschungen ergaben, dass die Ausstellung mehrere Male in der Stadt umziehen musste. Leider wurde sie weder von öffentlichen Stellen, noch von der Politik unterstützt. Letztendlich sah sich der Initiator Herr K. im Jahr 2020 gezwungen, das heutige Grundstück mit Privatmitteln zu kaufen, um den Miniaturenpark zu retten und ihm einen sicheren Ort zu geben.
Die Finanzierung durch Eintrittsgelder brach während der Corona-Krise ein, der Park musste schließen und konnte nicht mehr instand gehalten werden. So begann der Niedergang, Witterung und Zeit hinterließen ihre Spuren, die Miniaturen gingen Stück um Stück verloren, wie bereits ihre Vorbilder, zu deren Gedenken sie errichtet wurden.
Zum Zeitpunkt unserer Entdeckung existierten noch 9 von einstmals 14 Miniaturen in mehr oder weniger schlechtem Zustand. Uns beeindruckte in besonderem Maße das Modell der Großen Synagoge. Neben der geschichtsträchtigen Bedeutung fesselte uns die interessante Architektur und der Detailreichtum. Im POLIN (Museum der Geschichte der polnischen Juden) informierten wir uns über die Geschichte des Gebäudes, das 1943 nach der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto von den Nazis durch Sprengung zerstört wurde. Das Museum besitzt ebenfalls eine Miniatur, die sich aber mit der aus dem Park in Größe und Detailgenauigkeit nicht messen kann. Warum hatte das Museum das Synagogen-Modell nicht übernommen und somit gerettet? Diese Frage ließ uns nicht mehr los: Warum wurden die Miniaturen dem Verfall preisgegeben? Wie steht es mit unserer Erinnerungskultur, wenn wir solch wichtige, zudem aufwendig und liebevoll nachgearbeitete, Zeugnisse der Vergangenheit der Verwahrlosung preisgeben? Wir wollten uns nicht damit abfinden und machten uns auf die Suche nach Wegen, diesem verlorenen Werk noch einmal Aufmerksamkeit zu verleihen. In uns wuchs die Hoffnung, dass es ja vielleicht doch noch eine Möglichkeit geben könnte, wenigstens ein paar der Miniaturen zu retten.
An diesem Punkt brauchten wir Informationen aus erster Hand. Wir versuchten uns mit den ehemaligen Betreibern des Parks, mit dem Besitzer, Herr K. und mit anderen Beteiligten in Verbindung zu setzen. Leider mit geringem Erfolg – Webseite und Telefonnummern waren nicht mehr aktiv, Rückmeldungen waren spärlich. Auch unsere Anfrage, ob wir eines der Modelle öffentlich ausstellen dürfen, blieb unbeantwortet.
In der Zwischenzeit befreiten wir das Gelände von Müll und kamen dadurch mit Passanten ins Gespräch. Es kursierten einige Gerüchte über den Park und Herr K. Im Laufe der Wochen mussten wir mitansehen, wie der Zustand der Modelle immer schlechter wurde und wir beschlossen, zumindest das Modell der Großen Synagoge an einen sicheren Ort zu bringen. Sie war die Miniatur, die wir gerne ausstellen wollten und wir informierten noch einmal Herr K. über unsere Pläne.
Auf dem Gelände stand die Synagoge auf einer kaputten Tischtennisplatte. Unsere Idee war, ihr für die Ausstellung Stützen aus Keramik zu bauen. Wir wollten dem Zerfall etwas entgegensetzen, das eine gewisse Leichtigkeit mit sich bringt, dabei dennoch von Sorgfalt und Wertschätzung erzählt. Die matten Keramikobjekte sollten symbolisch die Erinnerung aufrecht erhalten und erhielten unterschiedliche Formen. Manche wirkten organisch gewachsen, andere ähnelten Säulen, statischen Konstruktionen oder Wagenhebern. Nur gemeinsam können sie das Gewicht den Modells ausbalancieren und es stabil im Raum halten.
Begleitend zur Ausstellung gestalteten wir ein Buch, das die Installation kontextualisierte. Es dokomentiert den Weg des Modells mit chronologisch rückwerts sortierten Bildern: Beginnend mit unserer Präsentation im Jahr 2023 über die Jahre des Zerfalls, sowie die davor liegenden im intakten Park bis zur Entstehung. Die älteren Bilder fanden wir im Netz, einige bekamen wir auch zugeschickt.
Zur Ausstellung luden wir alle am Park beteiligten Personen ein, leider kam Herr K. nicht. Dafür erschien Ryszard Maczewski, der Historiker, der an Recherche und Bau der Miniaturen beteiligt war. Er nahm sich viel Zeit und erzählte uns die tragische Geschichte des Parks ausführlich. Er und andere Beteiligte werfen Herrn K. vor, den Park absichtlich, als Exempel, öffentlich der Zerstörung preiszugeben. Eine Jüdische Stiftung habe beispielsweise Interesse bekundet, mehrere Modelle zu mieten. Man hätte nach der Schließung sicher für die meisten der Modelle ein neues Zuhause gefunden. Alle Beteiligten seien sehr enttäuscht und traurig über den Verlauf.
Gemeinsam mit dem Historiker besprachen wir das weitere Vorgehen. Wir wollten die Hoffnung noch nicht aufgeben, das Modell zu restaurieren und an einem wertschätzenden Ort unterzubringen. Ryszard hatte noch eine Handynummer von einer Person, die Herrn K. sehr nahestand und unsere letzte Hoffnung war. Doch auch auf dieser konnten wir niemanden erreichen. So blieb uns keine andere Wahl, wir mussten das Modell nach unserer Ausstellung zurück bringen und es der urbanen Kompostierung überlassen. Ryszard wünschte sich hierfür den Jahrestag der Zerstörung der Großen Synagoge, den 16. Mai.
Nach dem Ende unseres Auslandssemesters im Juni reisten wir im September erneut nach Warschau, um nach den Miniaturen zu sehen. Das Gelände wurde mittlerweile geräumt. Die inzwischen handlichen Fragmente der Miniaturen wurden zu einem sperrmüllartigen Haufen getürmt. Wir waren froh, nicht ganz zu spät gekommen zu sein und so konnten wir beobachten, wie das letzte erkennbare Fragment des Modells der Großen Synagoge von Passanten geborgen wurde.
Gamsbaum
In der Arbeit „Gamsbaum“ beschäftigen wir uns mit der kulturellen Aneignung der Natur. Die Skulptur besteht aus einer Konstruktion, die einem Katzenbaum ähnelt und aus Waschbeton gefertigt ist, sowie einer ausgestopften Gams.
Sie karikiert die touristisch erschlossene Kulturlandschaft des Gebirges. Bergbauern führten einst ein entbehrungsreiches Leben, und die höher gelegenen Gebiete konnten nur im Sommer landwirtschaftlich genutzt werden.
Heute machen Stahlbetonkonstruktionen wie Gondeln, Lifte und Bergbahnen diese extreme Landschaft einfach erlebbar. Skifahren, Wandern und Mountainbiken sind die Domänen des modernen Massenalpinismus. Gämsen, Murmeltiere, Jäger und Bergbauern halten das Bild der Idylle aufrecht.
Menschen entscheiden aufgrund kultureller Relevanz, welche Arten schützenswert sind und welche nicht. Die Gams ist harmlos, fotogen und gilt als Symbol der europäischen Heimatnatur.