Zum Inhalt springen

Im aktuellen Newsletter des Fördervereins der Brenzkirche Stuttgart e.V. (Ausgabe Herbst 2026) ist ein schönes Interview mit Prof. Dr. Eva-Maria Seng, Rektorin der ABK Stuttgart, erschienen.

Schon vor der Weißenhofsiedlung war der Killesberg ein Ort architektonischer Erneuerung. Prof. Dr. Eva-Maria Seng, Rektorin der ABJ Stuttgart, spricht über überraschende Verbindungen zwischen der Kunstakademie und der Brenzkirche.

Frau Prof. Seng, die Brenzkirche wurde 1932/33 in unmittelbarer Nachbarschaft
zur heutigen Akademie der Bildenden Künste gebaut. Gab es neben dieser
räumlichen auch eine inhaltliche Nähe?

Ja, es bestand sogar eine gute Beziehung. Bevor die Brenzkirche gebaut wurde, feierte die Gemeinde ihre Gottesdienste im Festsaal der damaligen Kunstgewerbeschule. Schaut man sich diesen Raum heute an, entdeckt man überraschende Parallelen zum Kirchenraum der Brenzkirche – wobei der Saal der Kunstgewerbeschule doppelt so hoch ist und über zwei Stockwerke reicht. Er hat zwar zu beiden Seiten Fenster, ist aber ebenfalls asymmetrisch – auf einer Seite gibt es eine Empore, auf der anderen nicht. Decke und Pfeiler weisen große Ähnlichkeiten auf.

Es ist also möglich, dass der Festsaal die Vorstellung beeinflusst hat, wie der künftige Kirchenraum aussehen könnte …

Das kann ich mir durchaus vorstellen. Es gab noch mehr Verbindungen: Künstler der Kunstgewerbeschule gestalteten Reliefs und Teile der Ausstattung der Brenzkirche – sie arbeiteten und lehrten ja vis-a-vis.

Können Sie sich erinnern, wann Sie persönlich die Brenzkirche zum ersten Mal gesehen haben?

Ja, das war 1983. Ich kann das so genau sagen, weil ich damals in der Bauabteilung des Oberkirchenrats ein Praktikum absolviert habe. Eine meiner Aufgaben war es, ein Verzeichnis aller Kirchenbauten der Landeskirche zu erstellen – mit Bild, Baudaten, Ausstattung – übrigens bereits digital. So etwas gab es bis dahin nicht. Bei dieser Gelegenheit hatte ich auch mit der Brenzkirche zu tun.

Wissen Sie noch, was Sie damals über die Kirche dachten?

Ich wusste, dass sie 1932/33 im Geist des Neuen Bauens errichtet worden war und als Fallbeispiel für den Umgang der Nationalsozialisten mit diesem Baustil war. Interessant finde ich, dass sich in den 50er-, 60er-, 70er-Jahren kaum jemand an diesem diesem Umbau während der Zeit des Nationalsozialismus störte. Kirchen sahen offensichtlich so aus, wie sie aussahen. Irgendwann begann man sich zu fragen, ob in dieser Architektur noch der Geist des Nationalsozialismus steckt.

Sie sind Architekturhistorikerin: Was hat die Nationalsozialisten an der Brenzkirche so provoziert, dass sie die Kirche umgebaut haben?

Die Umbauten stehen ganz klar für eine Gesinnung, die das Neue Bauen als „undeutsch“ abgelehnt hat. Wir alle kennen ja die Karikatur der Weißenhofsiedlung als „Araberdorf“ von 1933. Interessant finde ich, dass sich die Gemeinde zu dieser Zeit trotzdem für eine Kirche im Stil des Neuen Bauens entschieden hat. Sechs Jahre später, zur Reichsgartenschau 1939, ließ sie die Kirche jedoch auf eigene Kosten umbauen. Stilistische Merkmale wie die runde Ecke, das Flachdach oder die Fensterbänder wurden eliminiert.

Sie haben Ihre Magisterarbeit über die Stuttgarter Johanneskirche geschrieben. Auf den ersten Blick könnte sie kaum weiter von der sachlichen Architektur der Brenzkirche entfernt sein. Trügt der Eindruck?

Ja. Im Grunde gilt auch für die Johanneskirche das Prinzip „form follows function“ – nur unter anderen Voraussetzungen. Ihre Form folgt dem Ziel, dass möglichst viele Menschen eine gute Sicht auf Kanzel und Altar haben, das gesprochene Wort gut verstehen und damit der Predigt und dem Altardienst folgen können. Darüber hinaus sollte aber auch ein stimmungsmäßiger Bau für einen Predigt- und Feierraum für eine evangelische Gemeinde geschaffen werden. Dahinter stand ein neues liturgisches Verständnis: Man wollte Liturgie, Gemeindegesang und Orgelmusik wieder stärken. Das war eine bewusste Gegenbewegung zu den langen Religionsvorträgen des späten 18. Jahrhunderts, die die Gemeinde oft zum stummen Zuhören verurteilten.

Wie charakterisieren Sie im Vergleich dazu die Brenzkirche?

Die Formensprache wird zurückgeführt auf die grundsätzlichen Formen, aber es gibt auch bildhafte Elemente, etwa das Altarrelief, die Orgel. Die Brenzkirche wurde ja im Unterschied zur Johanneskirche nicht für eine große Gemeinde oder große Konzerte gebaut. Sie ist die Kirche eines Quartiers. Typisch für die Zeit nach 1900 ist, dass es einen Vorplatz gibt, auf dem man sich trifft und noch ein bisschen reden kann, bevor man in die Kirche oder nach Hause geht.

Bevor Sie 2024 die Leitung der Akademie der Bildenden Künste übernahmen, hatten Sie an der Universität Paderborn den Lehrstuhl für Materielles und Immaterielles Kulturerbe inne. Sie sind also Expertin für Fragen der Denkmalpflege. Wie nahmen Sie die Debatte um den Um- und Teilrückbau der Brenzkirche wahr?

Ich war erstaunt. Vor allem über das Engagement der Menschen. Ich weiß, wie langwierig und schwierig solche Diskussionen sein können. Hier trafen zwei berechtigte Anliegen aufeinander: Einerseits war die Kirche ein Denkmal für den Umgang der Nationalsozialisten mit dem Neuen Bauen. Andererseits ist sie der Ort, an dem die Gemeinde ihre Gottesdienste feiert und ihr Gemeindeleben gestaltet. Das Äußere der Kirche und die Ideologie, die mit diesem Äußeren verbunden ist, waren zu einem Problemfall geworden. Ich glaube nicht, dass dieser Zustand noch lange tragfähig gewesen wäre. Eine Kirche lebt davon, dass Menschen sie annehmen. Tun sie das nicht, bleiben sie irgendwann einfach weg. Ich verstehe durchaus, was die Denkmalpflege 1983 bewogen hat, die Brenzkirche unter Denkmalschutz zu stellen. Aber das kulturelle Erbe kann nur in die Zukunft getragen werden, wenn sich eine Gesellschaft darauf verständigen kann. Dazu kommt, dass die nationalsozialistischen Eingriffe bei der Brenzkirche auf den ersten Blick nicht leicht erkennbar waren. Sie sah für viele vermutlich einfach nur unattraktiv aus.

Das wird sich nun ändern …

Ja, und das wird sicher eine Entdeckung werden. Denken Sie an die Weißenhofsiedlung. In den 80er-Jahren sah sie teilweise richtig schlimm aus. Man nahm damals den Wert nicht richtig wahr. Als man dann in die Siedlung investierte und die Häuser saniert hat, war das für viele eine Wiederentdeckung. Wobei man sich bewusst dazu entschieden hat, die abgebrochenen Häuser nicht zu rekonstruieren.

Auch bei der Brenzkirche wird nicht der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt. Die neue Kirche zeigt ihre verschiedenen Zustände …

Das ist sehr wichtig. Eine platte Rekonstruktion wäre eine völlige Negierung der Geschichte. Durch die sichtbaren Zeitschichten wird man in der sanierten Kirche bewusst darauf gestoßen, dass da früher etwas anderes war. Ich glaube, dass die Kirche sehr schön wird.

Schönheit ist ein Kriterium, das bei Kirchen eher selten genannt wird …

Ja, man spricht heute meist über ihre Funktion und weniger über architektonische Gelungenheit oder Schönheit. Dabei ist das etwas Wichtiges. Menschen gehen lieber in eine schöne Kirche.

An der Kunstakademie studieren auch künftige Architektinnen und Architekten. Ist die Brenzkirche für die Studierenden interessant?

Auf jeden Fall. Um- und Weiterbau, Rekonstruktion, Rückbau, das sind Themen, die im Studium immer wieder diskutiert werden. Dazu kommt, dass die Brenzkirche in der Vergangenheit immer wieder von Studierenden künstlerisch bespielt wurde. Die Gemeinde hat das auch sehr begrüßt. Das möchten wir auch sehr gerne weiterführen.

Was ist eigentlich immaterielles Erbe?

Nehmen Sie ein Trinkglas. Damit wir in ihm ein Designobjekt sehen, schreiben wir ihm diese Eigenschaft zu. Diese Zuschreibung ist dann die immaterielle Seite des Objekts. Man kann unter Immateriellem auch die geistige Repräsentation von Materialität verstehen, wobei umgekehrt zu allererst ein geistiger Zugriff vorgefundene Materialität bewertet und ihr Bedeutung zuschreibt. Materielle Güter erfahren also erst durch ihre immateriellen Zuschreibungen auf der Grundlage sinnlicher Wahrnehmung ihre Inwertsetzung. Das gilt auch und gerade für Denkmäler.

Ab 1941 wurden Menschen jüdischen Glaubens in den Hallen der ehemaligen Reichsgartenschau zusammengetrieben. Sie passierten auf ihrem Weg auch die Brenzkirche. Ist das ein Teil des immateriellen Erbes dieser Kirche?

Das ist im Bereich der Erinnerungskultur zu verorten. Aber das mindert nicht ihren Schrecken. Und diese Erinnerung betrifft auch die damalige Kunstgewerbeschule. Man kann es nicht übersehen haben, dass Menschenströme am Haus vorbeizogen. An der Kunstgewerbeschule und auch an der Akademie, die damals noch hinter der Staatsgalerie an der Urbanstraße stand, wurden auch Studierende „relegiert“.

Was genau ist für Sie das immaterielle Erbe der Brenzkirche?

Das sind die verschiedenen baulichen Zeitschichten und die damit verbundene Konnotation – der offene Geist, der mit dem Neuen Bauen verbunden ist, das Überschreiben dieses Geistes im Nationalsozialismus und die Wiederherstellung in der Nachkriegszeit, in der man – aus welchen Gründen auch immer – an den Umbau von 1939 anknüpfte. Und jetzt: Das Sichtbarmachen dieser Schichten.

Mit Prof. Seng sprach Angelika Brunke.

www.brenzkirche-stuttgart.de