Tatsuya Kawahara übernimmt Professur für Grundlagen der Gestaltung
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Zum Wintersemester 2026/27 hat die ABK Stuttgart die Professur für Grundlagen der Gestaltung in den Fachgruppen Architektur und Design mit Tatsuya Kawahara neu besetzt.
Tatsuya Kawahara studierte Architektur an der Universität Kyoto bei Shin Takamatsu. Bereits während seines Studiums interessierte er sich für das Verhältnis von Literatur und Architektur und verfasste eine architekturtheoretische Masterarbeit zu Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. In seiner Analyse des Romans aus architektonischer Perspektive verstand er Sprache als Werkzeug, um Raum zu entwerfen. Er entdeckte Raum in Worten und Worte im Raum – ein Wechselspiel, das ihn nachhaltig beschäftigt.
Nach dem Studium arbeitete Kawahara bei Shigeru Ban Architects in Tokio und sammelte Erfahrungen in internationalen Entwurfsprojekten. Seit 2008 ist er in Hamburg tätig, wo er KAWAHARA KRAUSE ARCHITECTS mitgründete. Parallel zu seiner Entwurfspraxis ist er seit vielen Jahren lehrend und schreibend tätig und führt architektonisches Denken und praktische Arbeit immer wieder zusammen. Für die 20. Internationale Architekturausstellung der Biennale di Venezia 2027 wurde er gemeinsam mit Ellen Krause zum Kurator des Deutschen Pavillons ernannt.
In jüngerer Zeit beschäftigt sich Kawahara mit Räumen an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gemeinschaft. Er untersucht, wie durch die Gestaltung solcher Räume Polyvalenz entstehen kann, die unterschiedliche Wertvorstellungen und Lebensweisen ermöglicht. Raum regt Handlungen an, und Handlungen formen Raum. In dieser Wechselwirkung sieht er die räumliche Kapazität des Dazwischen.
Auch in seiner Lehre stehen Beobachtung und eigenständiges Denken im Mittelpunkt. Grundlagen der Gestaltung zu erlernen bedeutet für Kawahara mehr, als sich Methoden der Formgebung anzueignen. Es geht darum, die Welt aufmerksam zu beobachten und die darin verborgene Ordnung herauszuarbeiten. Dabei geht es um die Fragen, warum wir die Dinge so sehen, wie wir sie sehen, was unsere Sichtweise bestimmt und welche Voraussetzungen ihr zugrunde liegen. So wird das Geflecht der Beziehungen sichtbar, in dem unser Blick entsteht. Entscheidend ist für Kawahara die Fähigkeit, dieses Geflecht selbst zum Gegenstand der Beobachtung zu machen und die eigene Perspektive als eine unter mehreren möglichen zu begreifen.
Im Entwerfen entstehen aus der Arbeit mit Maßen und Formen Bedeutungen und Erzählungen. Im Wechsel zwischen Zeichnung, Modell und Sprache werden die Beziehungen zwischen Beobachtung und Reduktion, Realität und Fiktion sowie Individuum und Kollektiv untersucht. Kawahara möchte ein solides Fundament für eigenständiges Denken schaffen, das über einzelne Methoden und Ausdrucksformen hinaus Bestand hat und auf dem die Studierenden eine eigene Haltung entwickeln können. Ein solcher Blick ist seiner Überzeugung nach über die Grenzen der Disziplinen hinaus für jede kreative Tätigkeit von Bedeutung.
Alle Menschen stehen in Beziehungen zu anderen. Die Arbeiten der einzelnen Studierenden sind eigenständige schöpferische Leistungen. Zugleich verändern sich ihre Bedeutung und Erscheinung im Verhältnis zu anderen Arbeiten. Entscheidend ist daher nicht allein die Qualität einer einzelnen Arbeit, sondern auch die Frage, was sie für andere bewirkt und welche Möglichkeiten sie eröffnet.
An der Hochschule können die einzelnen Arbeiten einander beeinflussen und gemeinsam zu einem kollektiven Werk werden. Kawahara möchte, dass die Studierenden solche Momente erleben, den Sinn des gemeinsamen Lernens erfahren und ein Gespür dafür entwickeln, was es heißt, miteinander zu leben.