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„Wir bewegen uns in einer vom Krieg zerstörten Landschaft, den eine Gesellschaft gegen sich und ihre eigenen Möglichkeiten führt.“
Ein Vortrag mit Negator
Sie haben „Deutschland“ wahlweise „gründlich zivilisiert“ oder „an die Wand gefahren“: DIE 68er, vor dreißig, vierzig Jahren von den Punks noch als jener kumpelige Führungsnachwuchs gehasst, der nun die Zwänge im Gewand der Mitbestimmung exekutierte; Modernisierungsadel, Minister, Avantgarde für jeden Scheiß; in der Toskana, in Rente, verarmt – oder auch schon längst tot, verzweifelt daran, dass alles so weiterging. Aber auch in Italien, England, Mexiko, Japan oder den USA, ganz besonders aber Frankreich hat sich ein spektakuläres Bild von „68“ in den Gencode nationaler Modernisierungserzählungen eingefressen, das, vom allgegenwärtigen rechtsnationalistischen Backlash vehement bekämpft, inzwischen mit seinen Protagonisten von der Bühne abtritt. Was bleibt? Global scheint für viele Kritikerinnen und Kritiker des Bestehenden von der mit dem Bild der damaligen Revolten konnotierten Erinnerung kaum mehr anderes kenntlich als die Modernisierung des Antisemitismus und des Antiamerikanismus. Antiimperialismus und Kulturrelativismus, um 1968 so gründlich modernisiert, haben sich im Islamismus wiedergefunden oder im Staat als letztlicher Appellationsinstanz.

Wars das? Dann wären alle jene massenhaft in den 60er Jahren weltweit manifest gewordenen Sehnsüchte und Hoffnungen nichts weiter als notwendiges Vorspiel zum gegenwärtigen dystopischen Resultat gewesen, jenes spektakulären Monologs des Weltzustands, der von sich nichts anderes mehr zu sagen weiß als: Es ist.

Wie aber die Arbeit der Widersprüche in der wechselhaften Epoche um dieses seit einem halben Jahrhundert zum spektakulären Bild geronnenen Jahres herum vor sich ging, wie ein Bewusstsein der Möglichkeiten über die Wiederaufnahme revolutionärer Kritik in der Geschichte sich bildete und wieder verfiel, soll an einer der damals bewusstesten Assoziationen und ihrem Vorgehen namentlich in Frankreich dargestellt werden, der Situationistischen Internationale, die wie wenige für jene feinen und spirituellen Dinge im Kampf standen, welche Walter Benjamin meint, als er „Über den Begriff der Geschichte“ spricht: Zuversicht, Mut, Humor, List, Unentwegtheit. „Sie werden immer von neuem jeden Sieg, der den Herrschenden jemals zugefallen ist, in Frage stellen.“

Erwartet werden darf neben anderem eine kurze Geschichte von Detournement und Récupération im Mai ’68 – anlässlich des Jubiläums multimedial – dargeboten durch einen Teil des Autorinnen- und Autorenkollektivs Biene Baumeister Zwi Negator.
Eine Veranstaltung im Rahmen der Vortragsreihe 307b. Mit freundlicher Unterstützung des AStA der ABK Stuttgart

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