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Der Jour Fixe der Fachgruppe Architektur findet im Wintersemester 2026/27 unter dem Titel „Ist die Moderne unsere Antike? – Zur Aktualität moderner Architekturlehre“ statt.

Die Prachtbauten der römischen Antike haben nachfolgende Kulturen zur Nachahmung gereizt, weshalb die europäisch-mediterrane Architekturgeschichte voller Renaissancen ist, in denen immer wieder die „Klassik“ angeeignet und für die eigene Gegenwart fruchtbar gemacht werden sollte. Doch aus dem Blickpunkt des 21. Jahrhunderts kann man fragen, ob inzwischen nicht die als „klassisch“ bezeichnete Moderne diese Rolle als „Antike“ eingenommen hat, um als fixer Bezugspunkt in einem immer wiederkehrenden Akt der Selbstvergewisserung zu dienen, wie bereits 2007 die Organisatoren der documenta 12 provokativ formulierten? Besonders die Architekturlehre scheint nicht ohne Verweis auf Vorbilder der Moderne, auf Prinzipien der Abstraktion, der maschinellen Fertigung, der industriellen Materialien, fließenden Räume und reduktiven Formensprache etc. auszukommen, mal mit und mal ohne die dahinterstehenden politischen Programme eines neuen Menschen und einer neuen Gesellschaft.

Gerade die Centennien der Bauhaus-Gründung in Weimar (1919–2019), des Bauhauses Dessau (1926–2026) oder das bevorstehende Jubiläum der Ausstellung „Die neue Wohnung“ mit der Werkbundsiedlung „Am Weissenhof Stuttgart“ 1927 bringen die anhaltend wiederkehrende Auseinandersetzung mit der „Moderne“ in den Fokus und bilden den Hintergrund der Vortragsreihe Jour Fixe im Wintersemester 2026/27.

Für den ersten Themenabend „Materialgeschichten der Moderne“ ist Prof. Dr. Cornelia Escher von der Alanus Hochschule für Kunst und Architektur Alfter zu Gast.

Die Analyse der architektonischen Moderne fokussiert meist mehr auf den Raum als auf das Material. Dennoch kulminieren in der architektonischen Moderne die bereits im 19. Jahrhundert begonnenen Erkenntnisse und Prozesse der Industrialisierung und synthetischen Herstellung von Baustoffen sowie der kolonialen Extraktion von Materialien. Entsprechend war die architektonische Moderne von Veränderungen im Bereich der Baumaterialien geprägt. Auch Ludwig Mies van der Rohe bemerkte in seinem Résumé zur Weißenhofsiedlung in der Zeitschrift Die Form die Relevanz dort erprobter neuer Materialien und setzte diese auch selbst ein. Gleichwohl sah er die Hauptleistung der Siedlung in der räumlichen Anlage, die er als „eigentlich baukünstlerische Frage“ bezeichnet.

Diese Aussagen legen eine Hierarchie offen, die charakteristisch ist für den mo-dernen Umgang mit dem Material. Sie trennt zwischen dem „Machen“, der Produktion, einerseits und dem künstlerischen Entwerfen, der architektonischen Gestaltung und Ästhetik andererseits. Tatsächlich aber sind die Felder von Extraktion, Produktion und Gestaltung enger miteinander verknüpft, als es hier for-muliert wird. Moderne Materialien prägten imperiale und koloniale Prozesse mit territorialen ebenso wie ästhetischen Dimensionen. Indem moderne Architekt*innen in ihren gestalterischen Entwürfen abstrakte Eigenschaften hervorhoben und eine von der Produktion losgelöste Materialästhetik definierten, ver-drängten sie die negativen Auswirkungen der Materialextraktion auf menschliche Körper, Landschaften und Gesellschaften in den Kolonien. Sie negierten die Abhängigkeit ihrer Entwürfe von vielfältigen, auch praktischen, transversalen und indigenen Wissensformen.

Eine Überwindung von anthropozentrischen und imperialistischen Lesarten des Materials, wie sie in der Moderne geprägt wurden, scheint insbesondere für die gegenwärtige Lehre der Architektur und Architekturgeschichte geboten. Dabei sollte die Verbundenheit des Materials mit menschlichen Akteuren und spezifi-schen Handlungskontexten betont werden. Auf dieser Basis können Architekt*innen und Wissenschaftler*innen einen Weg zu einer stärker verflochtenen Materialästhetik und auch zu neuen egalitären und ökologischen Perspektiven in der Architektur eröffnen.

Cornelia Escher lehrt und forscht zur Geschichte und Theorie von Architekturen, Bildern und Artefakten. Seit 2026 ist sie Professorin für Architektur, Geschichte und Theorie an der an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft Alfter. Zuvor war sie Juniorprofessorin an der Kunstakademie Düsseldorf (2017–2026) und Professorin für Architekturtheorie und Entwurf an der Akademie der bildenden Künste Wien (2024/25). Von 2014 bis 2017 war sie Postdoktorandin in der Forschungsgruppe „Global Processes“ an der Universität Konstanz. Sie pro-movierte 2014 an der ETH Zürich.

Ihre Forschung und ihre Publikationen konzentrieren sich auf die planetarische und transkulturelle Architekturgeschichte, auf die moderne und zeitgenössische Architektur, die Wechselbeziehung zwischen Architektur und den Künsten sowie zwischen Architektur und Soziologie. Jüngere Forschungsprojekte fokussierten auf die transkulturellen urbanen Netzwerke von Musik und Architektur (Journal of Urban History 2021) sowie auf die (post-)koloniale Architektur in Kamerun, mit einem Schwerpunkt auf der Beziehung von Architektur zu Materialität, Bildern und Ökologien.

Im Wintersemester 2026/27 wird der Jour Fixe in Zusammenarbeit mit dem Weißenhof-Institut organisiert und findet im Rahmen des Architekturnovembers des BDA Baden-Württemberg statt.

Organisation: Prof. Dr. Ole W Fischer (Architektur- und Designgeschichte, Architekturtheorie) und Karin Schulte (Akademische Mitarbeiterin am Weißenhof-Institut)

Mit freundlicher Unterstützung der Fachgruppe Architektur der ABK Stuttgart und der ROMA KG Burgau.

Jour Fixe Architektur WiSe 2026/27 pdf

Weitere Termine:

17. November 2026
Miriam Stierle, M.Sc. (Accademia di Architettura in Mendrisio und der ETH Zürich): „Das erstarrte Erbe der Neuen Wohnung. Räumliche Trägheit, fluide Lebensläufe und die Aktualität des Existenzminimums“

24. November 2026
Prof. Dr. Ines Weizman (Royal College of Art, London): „Digital Rear Window“

28. Januar 2027
Vortrag außer der Reihe: Prof. Matthias Rudolph (ABK Stuttgart/Transsolar): Bericht aus dem Forschungssemester 2025/26

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