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Am 18. Mai 2025 wurde Prof. Dr. Wolfgang Kermer, ehemaliger Hochschullehrer und langjähriger Rektor der ABK Stuttgart, 90 Jahre alt. Seine prägende Rolle für die Akademie und sein umfassendes Wirken als Kunsthistoriker, Kunstpädagoge, Autor und Sammler verdienen besondere Würdigung.

Von der Saar nach Stuttgart und künstlerische Tätigkeit

Wolfgang Kermer wurde 1935 in Neunkirchen (Saar) geboren. Seine künstlerischen Interessen fanden schon früh durch engagierte Zeichenlehrer Unterstützung. Nach seinem Abitur 1956 und ersten Kunststudien in Saarbrücken führte ihn sein Weg bereits 1957 an die ABK Stuttgart, wo er unter anderem bei Hannes Neuner studierte. 1961 legte er dort das Staatsexamen für das Künstlerische Lehramt ab. Von 1962 an nahm Kermer an der Eberhard Karls Universität Tübingen ein Zweitstudium in Kunstgeschichte, Frühgeschichte und Kulturgeografie auf. 1966 wurde er dort mit einer wegweisenden Dissertation über Diptychen in der sakralen Malerei promoviert und begann im selben Jahr seine Lehrtätigkeit an der Stuttgarter Kunstakademie, der er sein Leben lang verbunden blieb.

Auch während seiner akademischen Laufbahn blieb Wolfgang Kermer seinem künstlerischen Schaffen treu. Seine der „art informel“ nahestehenden Zeichnungen und Radierungen fanden in verschiedenen Ausstellungen Anerkennung. Die Frankfurter Zimmergalerie Franck, das Graphische Kabinett Saarbrücken und der Bücherdienst Eggert in Stuttgart widmeten ihm Einzelausstellungen. Ende der 1970er Jahre wandte er sich verstärkt der experimentellen Fotografie zu, die er als „vitalisierende Maßnahme“ zu seiner wissenschaftlichen Arbeit betrachtete. Seine Fotoarbeiten wurden in Stuttgart, Saarbrücken und mehreren französischen Städten ausgestellt.

Seine Zeit als Hochschullehrer und Rektor an der Akademie

Seit 1966 lehrte Wolfgang Kermer Kunstgeschichte an der ABK Stuttgart. Der entscheidende Wendepunkt in Kermers beruflichem Werdegang kam im Jahr 1971, in dem er vom sog. Großen Senat zum Rektor der ABK Stuttgart gewählt wurde. Dieses Amt bekleidete er nach mehrfacher Wiederwahl bis 1984. Seine Rektoratszeit fiel in eine Phase tiefgreifenden Umbruchs. Die während der Studentenunruhen in Kritik geratene Hochschule bedurfte einer grundlegenden Neuausrichtung. Als „unbequemer Rektor“, wie ihn die Stuttgarter Nachrichten charakterisierten, scheute Kermer keine Auseinandersetzungen mit dem Kultusministerium, wenn es um die notwendigen rechtlichen Grundlagen für die Akademiereform ging.

Zu den bedeutenden Berufungen jener Jahre gehörten namhafte Künstlerpersönlichkeiten wie Alfred Hrdlicka, Paul Uwe Dreyer, Jürgen Rose, Heinz Mohl, Arno Votteler, Albrecht Ade, Rudolf Schoofs, Jürgen Brodwolf und Wolfgang Gäfgen. Diese Erweiterung des Lehrkörpers ging einher mit innovativen studienbezogenen Entwicklungen wie z. B. der Gründung des „Instituts für Innenarchitektur und Möbeldesign“ (heute „Weißenhof-Institut“) durch Arno Votteler. Zudem schuf Kermer eine neuartige Ausbildungskomponente für angehende Kunsterzieher, die sich später zum Fach „Intermediales Gestalten“ entwickelte.

Dokumentation und Vermittlung

Ein besonderes Anliegen Kermers war die wissenschaftliche Aufarbeitung und Dokumentation der Akademiegeschichte. 1972 begründete er die Schriftenreihe „Akademie-Mitteilungen“, gefolgt von den „Beiträgen zur Geschichte der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart“ (1975) und später der „WerkstattReihe“ (1996). Als Herausgeber, Schriftleiter und Autor trug er maßgeblich zur Erforschung der Hochschulgeschichte bei und wurde von den Stuttgarter Nachrichten zu seinem 75. Geburtstag treffend als „das Gedächtnis der Stuttgarter Kunstakademie“ gewürdigt.“ Von besonderer Bedeutung war die von ihm 1975 gegründete Akademie-Sammlung, die er bis 1997 nebenamtlich betreute.

Anfang der 1980er Jahre initiierte Kermer eine Reihe internationaler Künstlerbegegnungen mit Richard Hamilton, Roland Goeschl, Arnulf Rainer, Oswald Oberhuber und Walter Pichler, die das internationale Renommee der Akademie stärkten.

Sammler und Förderer

Neben seiner akademischen Tätigkeit profilierte sich Wolfgang Kermer als engagierter Sammler zeitgenössischer Kunst, insbesondere von Glas und Keramik.

Bleibende Verdienste

Für sein vielfältiges Wirken wurde Wolfgang Kermer 1984 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Im Jahr 2004 ernannte ihn die ABK Stuttgart zum Ehrensenator „in Würdigung seiner Verdienste um die Kunst und die Akademie“.

Bis heute lebt Wolfgang Kermer mit seiner Frau France in Kusel und Cendrecourt in Frankreich. Sein Lebenswerk spiegelt exemplarisch die Verbindung von künstlerischem Schaffen, wissenschaftlicher Forschung und Hochschulpolitik wider. Als Rektor in einer Zeit des Umbruchs hat er entscheidend dazu beigetragen, die Stuttgarter Kunstakademie für die Zukunft zu rüsten und ihr internationales Profil zu schärfen. Seine umfangreichen Publikationen zur Akademiegeschichte und zu Willi Baumeister bilden einen unschätzbaren Fundus für nachfolgende Generationen.

Zum 90. Geburtstag gebührt Wolfgang Kermer der Dank und die Anerkennung all jener, die der ABK Stuttgart verbunden sind. Seine Vision einer lebendigen, international ausgerichteten Kunsthochschule mit starkem Bezug zu ihrer eigenen Geschichte wirkt bis heute fort.