Weißenhof-Programm der Bildenden Kunst, Paula Dischinger
Inhalt
Paula Dischinger ist Künstlerin und arbeitet zwischen Berlin und London. Nach einer Lehrtätigkeit in Expressive Arts in Malawi, schloss sie ihren Bachelor in Modedesign am Institut Français de la Mode in Paris ab. In ihrem Masterstudium an der Central Saint Martins University in London spezialisierte sie sich auf Performance: Society.
Ihre berufliche Laufbahn führte sie zum Kajihara Design Studio in Tokio und zu Melitta Baumeister in New York. Paulas Werk erforscht die Zusammenarbeit von Hand und Gehirn sowie die Dynamiken zwischen Individuum und Gemeinschaft. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf öffentlichen Räumen. Ihre Praxis wurzelt in Haptik, Präsenz und sozial engagierter Exploration. Ihr Interesse an Menschen, ihren Fähigkeiten – in welchem Feld auch immer – und ihre sehr wachen Augen öffnen Türen in unterschiedlichste Richtungen. Ist die Tür erst geöffnet, kann Luft eintreten.
Auszeichnungen
2025 Atelierförderpreis des Ministeriums für Wissenschaften und Kunst, München
2025 Central Saint Martins University Graduate Award, London
2023 Fashion X Craft Mentorship, German Fashion Council
2019 Jugendkulturförderpreis für künstlerisch/ästhetisches Handeln, Bezirk Oberpfalz, Regensburg
Herdentier
Berlin, 18. November 2024
„Herdentier“ ist eine Lauf-Performance, die die Beziehung zwischen individueller und kollektiver Bewegung untersucht. Die Performance beleuchtet die Frage, ob Menschen Herdentiere sind.
Wir gehen alleine.
Wir folgen.
Wir bewegen uns in einer Gruppe.
Wir führen eine Gruppe an.
Niemand führt unsere Gruppe an?
„Herdentier“ betrachtet, wie Gruppen sich ohne zentrale Autorität organisieren. Das Folgen in der Gruppe ist nicht nur ein Akt der Unterordnung, sondern auch ein Weg, Energie zu sparen und sich natürlich anzupassen. Jeder Darsteller reagiert auf die Handlungen der anderen, was zeigt, dass das Folgen ein persönlicher und flexibler Akt ist. Die Performance fragt, wie die Zugehörigkeit zu einer Gruppe die Freiheit und Identität des Einzelnen beeinflusst und welche Rolle Führung in Gemeinschaften spielt.
Können wir alleine stehen?
(W)HOLE – making space for herds
Berlin, Juni – August 2025
„(W)HOLE – making space for herds“ ist eine Langzeitperformance in der ich für drei Monate ein Loch grabe.
Doch nach was grabe ich eigentlich? Ich grabe nach einem Ort. Nach was gräbst du?
Abendessen
Paris, Regensburg, London, Tallinn und Berlin
Nehmen Sie Platz. Wir essen gemeinsam zu Abend.
Wir essen zusammen.
Der Appetit kommt in im Gemeinschaft.
Wir alle sind Teil. Wir alle sind Teil des Tisches.
Die Tischdecke verbindet uns, miteinander und mit dem Tisch, mit allen Zutaten. Wir sind ein Abendessen.
Noch viel entscheidender ist, dass durch die Konstruktion allen der selbe Aktionsraum vorgegeben wird.
Die Ärmel und auch das Kopfloch entscheiden den Raum, in dem wir uns bewegen.
In jedem Aktionsraum befindet sich eine Zutat.
Das Abendessen kann sehr monoton sein, wenn ein jeder Gast nur seinen Aktionsraum in Anspruch nimmt.
Nur Trauben oder nur Brot, fad.
Interessanter und vielfältiger wird es für die Geschmacksknospen, wenn wir andere Aktionsräume ansteuern.
Mit Worten oder Taten.
Interaktion. Kommunikation. Verständigung. Austausch. Menschlichkeit.
Open Palms
Berlin Hauptbahnhof, Juni 2024
Unterwegs mit Gepäck, zwei offenen, vergrößerten Händen: aus rotem Sitzsackstoff konstruierte, maß- geschneiderte und mit den Plastikabfällen von New Yorker gefüllte Hände.
Der Berliner Hauptbahnhof ist ein Raum für Handlung, in der Performance „Offene Hände“ wird er zur Bühne. Ein Bahnhof, ein Ort der Ankünfte und Abreisen, der Abschiede und Wiedervereinigungen, von Trauer und Freude. In Deutschland findet zu der Zeit die Europameisterschaft statt. Der Bahnhof wird zu einem politischen Zentrum, das Menschen aus allen Ländern willkommen heißt. Die sich bewegenden, die eingespannten Menschen werden zu meinem Publikum.
Jeder Gegen Jeden
Regensburg, Oktober 2025
Jeder gegen Jeden ist eine interaktive Rauminstallation. Besucher können riesige Gesichter in Bewegung und Schwingung bringen. Und auch ein Zusammenkommen, Kuss oder Aufprall ist dann möglich, wenn von der gegenüberliegenden Seite auch interagiert wird.
ATTENTION RED
New York, Januar–März 2024
„ATTENTION RED“ ist eine fünfzehnteilige Performance-Reihe, die in Kollaboration mit Sophia Sühwold zwischen Januar und März 2024 in New York entstanden ist.
Zu diesem Zeitpunkt sind wir beide als Assistenz-Designerinnen bei Melitta Baumeister angestellt.
Alle Performances finden im öffentlichen Raum statt – sozial involvierte Arbeiten, die die in der Öffentlichkeit agierenden Menschen direkt und indirekt ansprechen. Es geht vor allem darum, eine spontane Gemeinschaft im öffentlichen Raum zu erzeugen. Manche bleiben stehen, andere gehen weiter.
FK 03 GUGGENHEIM
Ein rotes Band ist zwischen den Mündern von Paula und Sophia gespannt. Dieses Band, aus der Distanz fast unsichtbar, verbindet sie miteinander. Durch Saugbewegungen und Zungengymnastik verstauen beide immer mehr des roten Fadens in ihre Münder. Sie nähern sich so weit an, dass sie sich beinahe berühren.
„Und ich betete zu Gott. Und ich sagte: Bitte, bitte, bitte, lass sie sich trennen. – Und sie trennten sich. Und es war das Wunderbarste.“ (Reaktion einer Passantin)
FK 05 UNWINDING – Abwickeln und Aufwickeln.
Der Ort spielt eine zentrale Rolle: der leere Wasserbrunnen im Washington Square Park, der im Winter zum Skatepark wird. Wir entscheiden uns, auf dem Sockel in der Mitte des Brunnens zu arbeiten.
Während Paula eine Spule roten Fadens abwickelt und ihn um Sophia wickelt, wird sie zunehmend reglos und verwandelt sich in eine Statue. Mehr und mehr rot, immer weniger beweglich. Wir hinterfragen welche Statuen eigentlich in unserem Öffentlichen Raum zu finden sind.
Papierfliegerei
Regensburg, November 2024
Eine interaktive Rauminstallation. Ein Papierflugzeug ist ein Flugzeug aus Papier, das hauptsächlich durch Falten entsteht. Wir wissen, wie man einen bastelt. Aber warum? Während des „Dilly Dally Design Markets“ in Regensburg liegen rosa Papierbögen aus. Aus in der Landwirtschaft genutzten Schutznetzen (32 m x 15 m), Fahrradreifen und überdimensionalen rosa Kartonpapierfliegern habe ich ein Fluggelände erstellt. Ohne schriftliche Erläuterungen oder eine genaue Erklärung des Prozesses war die Einladung mehr oder weniger klar. Die Papierblöcke sind da, um gefaltet und geworfen zu werden. Jeder Teilnehmer wählt seine individuelle Ziellinie, Startlinie und sein persönliches Ziel. Es gibt keinen Gewinner und keinen Verlierer. Jeder, der ein Papier nimmt und daraus ein Papierflugzeug beliebiger Art faltet, ist ein Gewinner.
Kopf Hoch!
Berlin, Januar 2025
„KOPF HOCH!“ – eine Performance, die Dimension, Proportion und Perspektive in einem urbanen Kontext neu definierte.
Die Darsteller, die auf Stelzen agierten, empfingen die Gäste der Berlin Fashion Week, die nach einer Modenschau aus dem Berghain kamen, und forderten das Publikum auf, den Blick nach oben zu richten.
In einer Welt, in der es normal ist, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Die Aufforderung an das Publikum: KOPF HOCH! (Look up!), aus der Routine auszubrechen, den Kopf zu heben und sich dem Unerwarteten zu stellen.
Die Figuren, gefertigt aus upgecycelten Bettlaken, Handtüchern, Tischdecken und Leinen – weggeworfene Materialien, die in bewegte Skulpturen umgewandelt wurden. Die Stoffe, einst Teil intimer häuslicher Räume, erhielten im öffentlichen Raum eine neue Bedeutung.
Durch die Veränderung von Maßstab und Perspektive schuf die Performance einen Moment der Reflexion und hinterfragte, wie wir unsere Umgebung wahrnehmen. Eine Einladung, vom Gewöhnlichen abzuweichen und die Grenzen der Mode im öffentlichen Raum neu zu denken.